Hilfeschrei

Dressur von autistischen Menschen, es ist so widerlich. Wenn ich mir meinen Sohn in dieser Behandlung vorstelle, reagiere ich körperlich mit Ekel, schwitzenden Händen und Übelkeit. Und ich weiß von unserer Familie selber, dass es ja anders auch geht. Es ist halt nur nicht immer einfach.
Wird hier nicht eine vermeintlich einfache Lösung für einen komplexeren Sachverhalt geboten im Sinne von „Was nicht passt, wird passend gemacht?“

Advertisements

Mit Fußball Brücken bauen – Beginn eines tollen Projekts

Gestern haben wir uns also das erste Mal getroffen zum Fußball spielen mit Menschen, die aus ihrer Heimat geflohen sind und nun am Ende ihrer Reise bei uns in der Gemeinde Barsbüttel untergekommen sind. Mein guter Freund und Nachbar hatte das initiativ angestoßen und bekam viel Unterstützung der Gemeinde und des Barsbütteler Sportvereins in Form sowohl von Bekanntmachungen in der lokalen Presse als auch in zur Verfügung stellen von Hallenzeiten.

Wir waren vorsichtshalber etwas früher da, um die Bälle zu holen und vor Ort zu checken, welche Umkleidekabine wir nutzen können. Ein bisschen aufgeregt waren wir schon; zu vage waren die wenigen Zusagen. Echte Anmeldungen gab es keine, nur zugerufene Meinungsäußerungen wie „Das ist ja klasse, dass ihr das macht“, „Schöne Idee“ oder „Ich schau mal“.

Zum abgemachten Zeitpunkt erschien ein älterer Herr im höheren Rentenalter mit zwei Jungen und einem Mann, so um die 30-35, im Schlepptau. Der ältere Herr stellte sich als Flüchtlingspate vor, der im nahen Stellau mehrere Familien betreue, d.h. fast täglich mit ihnen in Kontakt sei und ihnen bei Behördengängen und allem anderen im Alltag helfe. Er hatte in der Zeitung über das Vorhaben erfahren und den von ihm betreuten Familien gefragt, ob jemand Lust hätte mitzumachen. Die beiden Jungen, die er von zu Hause abgeholt und zu uns gefahren hatte, sind so um die zehn Jahre alt und sind mit ihrer Familie aus Afghanistan zu uns gekommen. Sie sind schon ein Jahr in Deutschland und ich war erstaunt über das tolle Deutsch, das die beiden sprachen. Hier und da fehlten verständlicherweise einfach Vokabeln, aber sonst war alles verständlich und wir lachten sofort viel und herzlich. Dem einen Jungen fehlten noch Fußball-Schuhe, die extra für ihn besorgten Schuhe waren mit Größe 40 genau eine Nummer zu groß, auch die zusätzlich schnell übergezogenen Socken des Paten(!) halfen nichts. Er versuchte zu spielen, aber bei jedem strammeren Schuss lösten sich die Schuhe etwas mehr, bis sie dann durch die Halle flogen. Er spielte dann später barfuß, was ihn aber sogar noch schneller und besser machte! Der Mittdreißiger ist aus Albanien zu uns gekommen; ein eher ruhiger, aber nicht weniger freundlicher Charakter, der vor allem durch die professionelle Fußball-Kluft auffiel. Später sah man dann auch, dass das seinen guten Grund hatte, so sehr wirbelte er auf dem Platz; eine echte Freude beim Zusehen.

Doch zuerst saßen mein Kumpel und ich mit zwei Kindern und einem erwachsenen Spieler und warteten, doch nichts weiter passierte. Wir redeten noch weiter, übten deutsche Floskeln und gerade, als wir uns mit dem Gedanken getröstet hatten, dass Hallenfußball auch mit wenigen Teilnehmern viel Freude mache, kamen schon die nächsten Interessierten: Ein Libanese, seit ewigen Zeiten schon in Deutschland, der einfach kam, um zu dolmetschen, weil er Syrisch, Arabisch usw. sprechen könne. Er brachte gleich einen ihm bekannten Syrer mit, der mit Bart und dunkel gekleidet nur sehr schweigsam auf der Bank im Umkleideraum Platz nahm, nicht viel von sich gab und erstmal nur die ganze Szenerie beobachtete.

Als nächstes kamen noch zwei Väter von Kindern der G-Jugend (gibt es diese Altersgruppe tatsächlich!?) des Barsbütteler Sportvereins, beide deutsch und während wir uns noch gegenseitig vorstellten, öffnete sich die Tür und ein ganzer Schwung junger Männer Anfang/Mitte 20 betraten den Raum. Als wir dann endlich anfingen zu spielen, waren wir sage und schreibe 18 Spieler! Für mich war der Abend zu diesem Zeitpunkt schon ein Riesenerfolg, auch ohne zu diesem Zeitpunkt überhaupt einmal den Ball getreten zu haben. Es war zu spüren, dass jeder der Anwesenden einfach froh und glücklich war, dass die anderen da waren und dass das Ding funktionierte und dass niemand umsonst gekommen war. Wir teilten die Spieler auf drei Teams á sechs Spieler auf, pro Spiel zehn Minuten, ein Team blieb auf dem Platz und die anderen wechselten.

Während des Spiels wurde die anfängliche persönliche Distanz immer geringer, es wurde nach jedem Tor gejubelt und abgeklatscht, die Freude wurde immer spürbarer. Man hielt sich aus Spaß gegenseitig einfach fest, damit der Gegenspieler nicht loslaufen kann und lachte sich gemeinsam über vergebene 100%ige Chancen schlapp. Es kamen im Laufe des Abends noch ein paar Nachzügler dazu und es saßen sogar Zuschauer auf der Tribüne, die sich das ganze aus sicherer Entfernung mit ansahen.
Es gab keine schlimmen Fouls und wenn man mal aufgrund fehlender Übung aus Versehen mal durchzog, wurde sofort die Hand gereicht und dem anderen beim Aufstehen geholfen und gefragt, ob alles gut sei. Es wurde kurz genickt und gelacht und weiter ging’s.

Nach vollen 90 Minuten später wurden die Schüsse dann doch merklich schlapper, die Laufwege kürzer und die Trikots und Leibchen immer schweißgetränkter und dann war auch einfach gut mit Fußball und alle waren einfach fertig, glücklich und kaputt. Das abschließende Shake-Hands war eingebettet in viele „Dankeschön“ und „Good play“ und wechselte sich ab mit High-Fives.

Der schweigsame Syrer schoss übrigens genau ein Tor und das auch noch gegen mich! Es war aber ein sehr schönes Tor, langes Eck und über den Innenpfosten rein. Ich glaube, das gelöste Lächeln und die Freude im Gesicht wird mich noch eine Weile begleiten. Und eine zweite Sache war großartig: Der eine zehnjährige Junge ohne Schuhe hat uns einfach mal alle „nass gemacht“, Kopfball-Duelle gewonnen(!) und immer auch ein Auge für den Mitspieler gehabt, Hut ab! Sollte sich das also mal ein Talentscout von St. Pauli angucken wollen: Einfach mal auf die Tribüne setzen und staunen bei so viel Spielfreude!!

Wir gingen im Anschluss noch auf ein vom Barsbütteler Sportverein gesponsertes Freigetränk in die Sportlerkneipe Filou nebenan und quatschten noch bei Limonade, Cola und dem einen oder anderen Bier über Heimat, Deutschkurse, unsere Namen, Sport und Zukunftspläne. Es ergaben sich Einladungen zum gemeinsamen Essen; falls ich also mit meiner Familie mal Lust auf echtes syrisches Essen hätte, könnten wir jederzeit gerne vorbeikommen, aber bitte nachmittags, weil vormittags ja die Deutschschule anstehe 🙂

Und so wurde ich mir so langsam bewusst, dass ich mit „den Ausländern gegenüber“ der KiTa meiner Tochter, von denen ich nur so schlimme Dinge wie „die bringen ihren Müll nicht richtig heraus“ und „guck dir mal den Garten an“ gehört hatte, einen wunderbaren, unterhaltsamen und fröhlichen Abend verbracht hatte.

Abschließend kann ich nur Neugierige aus Barsbüttel und Umgebung aufrufen, auch mal vorbeizuschauen! In dieser Wintersaison spielen wir jeden Dienstag Abend ab 20:00 Uhr in der Sporthalle Barsbüttel mit unseren neuen Nachbarn Fußball. Es ist ein echter Freizeitkick, der einfach nur Spaß macht; auch ich als mittlerweile „etwas“ unsportlicher Mensch konnte mitspielen und man ist nicht gezwungen, die ganze Zeit hin- und herzurennen. Und es ist kostenlos!

Aber das Beste an dem Ganzen ist, die Menschen hinter den Zeitungsartikeln und Statistiken kennenzulernen, deren echte Gesichter zu sehen und selber zu erfahren, wie Fußball uns helfen kann, Brücken zu bauen.

Himmel und Hölle, Licht und Dunkelheit

In Zeiten wie diesen gehen mir viele Gedanken zum Thema Glaube durch den Kopf. Menschen demonstrieren auf den Straßen und sind unglücklich wegen Menschen, die sie gar nicht kennen, einfach nur, weil sie von woanders herkommen. Andere Menschen ermorden wiederum andere Menschen, weil sie nicht nur anders glauben, sondern sich ihrer Meinung nach auch noch lustig über sie gemacht haben. Einige denken, dass sie nach den Taten in diesem Leben im Himmel von Jungfrauen beglückt werden. Andere wiederum denken, dass genau dieselben Menschen in der Hölle schmoren werden, gerade wegen ihrer Taten. Sehr verworren das Ganze und irgendwie finde ich mich da so gar nicht wieder.

Ich habe meine eigene Sicht auf die Dinge, muss allerdings etwas ausholen. Es gibt eine Grundannahme, aus der eigentlich alles andere folgt:Ich denke, dass wir Menschen auf der Erde von Gott den freien Willen bekommen haben und dass dieser Gott für grenzenlose und bedingungslose Liebe steht. Das sagt mir logisch betrachtet schon eine ganze Menge:

  • Egal, was ich tue, Gott wird mich nicht dafür verurteilen. Sonst wäre ja der freie Wille quasi nur ein gemeiner Witz; der Wille wäre nicht frei, wenn ich gar nicht alles machen dürfte, was mir in den Sinn kommt. Auch steht für mich Gott für bedingungslose Liebe im wahrsten Wortsinn.
  • Ich mache viele Dinge nicht, die andere tun und mache viele Dinge, die andere nicht tun. Das liegt vermutlich daran, dass ich andere Erfahrungen auf der Erde machen möchte oder darf. Ich habe mir die Grenzen in meinem Leben hier selber ausgesucht in Form von Erziehung (durch Eltern/Umfeld) und Erfahrungen mit daraus resultierenden Moral- und Ethikvorstellungen, Talenten und Interessen.
  • Was ich für mich annehme, muss zwingend auch für andere gelten. Wir sind letztendlich alle eins; ich bin keinen Deut mehr wert als andere, aber eben auch nicht weniger.
  • Ich kann nicht über andere urteilen. Wie auch? Jeder hat seine Geschichte, sein Päckchen zu tragen, seine Erfahrungen, seine Ziele und seine Träume. Und genau die alle von allen unterschiedlichen Menschen gemachten Erfahrungen kommen am Ende allen zu Gute, wir sind alle eins.
  • Ich brauche keine Angst haben. Vor nichts in diesem Leben und vor nichts, was danach kommt. Es tut gut, sich immer wieder auf diesen Satz zu besinnen. Gerade kam ein toller Tweet herein: Sterben ist nur die Stelle, an welcher der Fluss ins Meer mündet. Es gibt keine Zufälle 🙂

Ich denke, dass ich aus diesem Blickwinkel eine Ahnung habe, was der Himmel und was die Hölle sein könnte: Setze ich den Himmel mit Licht und Liebe gleich, wird mir sicherlich jeder Leser zustimmen. Wir reden häufig von Lichtgestalten, Licht am Ende des Tunnels, es möge einem bitte ein Licht aufgehen und selbst Goethes letzte Worte lauteten „Mehr Licht!“. Licht steht für so ziemlich jeden für Wärme, Hoffnung, Barmherzigkeit und Frieden.

Die logische und einfache Erkenntnis lautet nun: Es gibt keine Hölle, genauso wenig wie es Dunkelheit gibt. Es gibt keine Energie mit Namen „Dunkelheit“, die das Licht verdrängen oder bekämpfen kann. Man kann nicht in einer Ecke des Raums Licht anmachen und in der anderen Ecke Dunkelheit anmachen und in der Mitte ist dann halb/halb mit Dämmerlicht. Die Helligkeit bei mir hängt immer von Abstand und Helligkeit der Quelle ab. Was man allerdings machen kann, ist, sich vom Licht zu entfernen oder es versuchen abzudecken oder gleich auszuschalten. Das Ergebnis ist trotzdem keine Dunkelheit als eigenständige Energie, sondern eigentlich nur Mangel an Licht.

Wir haben die Wahl, den freien Willen: Wir können uns mit unseren Gedanken und unseren Taten vom Licht abwenden und ins Dunkel schauen. Den Weg weg vom Licht wählen, uns von Gott entfernen. Ich vermute hier in dieser Abkehr von Gott, vom Licht, die Hölle. Als Hölle bezeichne ich den Mangel an Licht, im Gleichnis also Mangel an Gottesenergie. Wie gesagt, kein Problem, jeder hat diese Wahl und jeder wird spätestens nach seinem Leben wieder aufgefangen nach den gemachten schlimmen Erfahrungen, die diese Wahl mit sich bringt. Eine Bestrafung wird es nicht geben, die gelebte Hölle war vermutlich schon schlimm genug. Die Seele wird danach gehegt und gepflegt und befindet sich wieder in reiner Liebe.

Wollen wir uns da nicht lieber gleich dem Licht zuwenden und versuchen, Licht in dunkle Bereiche zu bringen, unser Umfeld zu erhellen und selber hell erscheinen? Dann würde ich sagen, dass wir uns auf diese Art selber den Himmel auf Erden schaffen können. Klingt für mich jetzt schön und erstrebenswert, habe ich mir ja schließlich für dieses Leben ausgesucht; wer weiß, was ich mir für das nächste Leben aussuche 😀

Geschenkte Jahre

80 Jahre , und ich darf und möchte auch sehr gern diese Festtagsrede halten.
Im Normalfall würde ich jetzt dein ereignisreiches Leben Revue passieren lassen; angefangen bei der Kindheit in Stettin erzählen, wie dir der Krieg die Kindheit raubte, der Flucht in den Kriegswirren, dem Neuanfang in Lübeck, dem Umzug nach Hamburg. Ich würde die Geschichte erzählen vom extra großen Steak in der Kneipe, wonach du diese tolle Frau einfach heiraten musstest.
Ich würde im Normalfall von deiner beruflichen Laufbahn berichten, vom gelernten Handwerk des Schriftsetzers, der „Schwarzen Kunst“, über den Wechsel zum Maschinensetzer an der Linotype bis hin zum Fotosatz und schließlich dem Satzsystem am verhassten Computer, was dich immer weiter von deinem geliebten Beruf entfernte.
Ich könnte auch über die Familie sprechen, die sich in Teilen doch weit voneinander entfernte und in Teilen auch wieder zusammenfand. Wo man nach Jahren doch erkennt, dass man sich an die Kleinigkeiten, die mal zur Trennung führten, im Grunde gar nicht mehr genau erinnern kann und jetzt einfach nur froh ist, sich wieder und wieder zueinander gefunden zu haben.
Doch die meisten, wenn nicht fast alle hier, kennen diese, kennen deine Geschichte, weil wir im Grunde ja auch Teil deiner Geschichte sind und deine Geschichte auch ein Teil von uns ist.
Wir waren neulich ganz spontan mit euch beiden im Tierpark Lüneburger Heide und saßen am Ende noch zu Currywurst/Pommes am Kiosk. Ich weiß nicht genau, wie wir auf das Thema kamen, aber das Thema „Schlaganfall“ ist halt immer wieder präsent und so landeten wir einfach bei dem Thema. Wir sprachen über das Ereignis selber, die Ungewissheit der ersten Tage und über das Riesenglück, dass es für dich doch weiterging. Du sagtest, wenn du aus dem Hier und Jetzt zurückblickst, auf die Zeit seitdem, dann siehst du geschenkte Jahre, was mich sofort stark ergriff, weil ich es auch sofort begriff.
Das ist eigentlich ein Thema, an dem ich schon lange herumdenke. Wie oft ist man gestresst, genervt, verärgert wegen Kleinigkeiten? Sei es ein Bus, der einem vor der Nase wegfährt, oder ein unbedachtes Wort, das einen verletzt, obwohl es vermutlich nur als Witz gemeint war oder Kinder, die immer dann spielen wollen, wenn man selber mal Ruhe bräuchte. Wie hilfreich wäre es dann, sich in solchen Momenten darauf besinnen zu können, dass jede Minute hier auf der Erde eine geschenkte Minute ist. Dass wir es doch selber in der Hand haben, wie wir diese Zeit hier verbringen möchten. Wollen wir uns wegen Nickligkeiten streiten, ärgern und uns die Zeit hier vermiesen oder schaffen wir es, mal einen Gang herunterzuschalten und das Leben auch in solchen Momenten zu genießen? Im Endeffekt gehören doch immer zwei zum Ärgern, die, die ärgern und die, die sich ärgern lassen.
Und vielleicht schaffen wir es ja endlich mal zwischendurch, in solchen Momenten kurz durchzuatmen, sich mal kurz zu besinnen; sich überlegen, ob es nicht vielleicht Sinn gemacht hat, was uns gerade passiert ist und ob wir nicht vielleicht etwas über uns lernen können durch diese Situationen. Und ob es diese Situationen wirklich wert sind, dass wir das Wesentliche aus den Augen verlieren und uns dadurch von Freude und Liebe entfernen lassen.
Ich freue mich für dich, dass du diese Erkenntnis für dich gefunden hast und hoffe, dass du dich auch im Alltag darin wiederfindest. Ich wünsche uns allen, dass wir es schaffen, mal unseren Alltag, unsere Zeit und unser Leben hier auf das Wesentliche hin abzuklopfen und die Entscheidung zu treffen, ob wir unser Leben mit Stress und Ärger vergeuden wollen oder ob wir versuchen, einen für uns schönen Weg zu suchen mit Harmonie und Glück und auch mal über das eine oder andere Ärgernis hinwegzusehen lernen.
Lieber Papa, ich danke dir für diesen schönen Gedanken und wünsche dir noch viele weitere geschenkte Jahre.

Sind wir alle gern irgendwie eingeordnet?

Stellt man sich bei uns in der Firma gemütlich in der Kantine in der Warteschlange für C-Wurst mit Pommes an, so wird man meist freundlich bedient; die Portionen könnten größer sein, aber alles in allem kann man da nicht allzuviel falsch mit machen. Eines fällt dort aber sofort auf: Die Hierarchien innerhalb der Auffüll-Crew!

Die eine gibt sich etwas barscher als die anderen, die andere ist etwas sehr langsam aber immer bemüht. Drei Mal raten, bitte, wer wem sagt, was er zu tun und zu lassen hat. Offen, unverblümt und teilweise einfach gnadenlos. Da bin ich wieder bei meinem Lieblingsthema „Hierarchie „. Man stelle sich vor, man hat diesen Job, aus meinem Blickwinkel nicht das Gelbe vom Ei, aber besser als nichts. Da denke ich doch, dass die drei/vier Leute irgendwie zusammenhalten, irgendetwas wie „in der Not rücken wir zusammen“ oder auch „der Job ist nicht so super, lass uns wenigstens gemeinsam das Beste daraus machen.“ Aber vermutlich bin ich zu sehr Sozialromantiker oder einfach nur Träumer.

Anderes Beispiel: Eine Bekannte blieb für ihre Kinder daheim und gab ihren Job auf, damit sie zumindest nachmittags mit den Kindern spielen konnte und damit die Kinder mehr Zeit zuhause verbringen konnten. Halbtagjobs sind in bestimmten Gegenden nicht allzu breit gesät, also kam die Idee auf, in der Schule, Schwimmbad oder ähnlich zu putzen. Man kommt heraus, hat noch ein kleines Taschengeld und die Decke fällt einem nicht auf den Kopf. Die Realität sah anders aus: Der Putzjob fand sich nur im Altersheim, zusammen mit zwei anderen Putzfrauen. An sich kein Problem, hätte sich nicht schon längst eine Hierarchie gebildet, die sicherstellt, dass die Alteingesessenen so gut wie nichts tun und die Neue die Arbeit komplett übernimmt. Die Zweitälteste bestätigt, dass es bei ihr auch schon so war, als sie anfing und dass es jetzt nur fair sei, wenn es jetzt für die Neue auch so gelte; quasi späte Genugtuung, die man ihr gar nicht vorenthalten könne.

Sind Hierarchien einfach nur eine Fortführung von „Das war schon immer so“?

Doch es fängt anscheinend schon im Kindesalter an, wie ich beobachten konnte: In der Grundschule ist für die ersten Klassen ein Treffpunkt abgemacht, wo die Lehrerin die Klasse abholt und in den Klassenraum bringt. Es dauerte nach der Einschulung keine Woche, bis die Kinder immer in der gleichen Reihenfolge dort standen und warteten. Nicht, dass es mit der Ankunftszeit zu tun hätte, einige Kinder kommen spät, stehen aber trotzdem vorne, während andere Kinder erst vorne standen um dann immer weiter nach hinten durchgereicht zu werden. Sollte das schon ein Ausblick sein, wer es wie weit bringt im Leben? Sollten die Weichen wirklich schon so früh gestellt werden und sollten Hierarchien schon so früh vorhanden sein?

Und was hat der einzelne eigentlich für Chancen, wenn er einfach vom Naturell her kein Kämpfer ist? Und weiter gedacht: Wie viel Potential lassen wir uns als Gesellschaft eigentlich entgehen, indem wir Hierarchien aufrecht erhalten und dann in Kauf nehmen, dass wir Menschen mit all ihrer Kreativität, Know-how oder auch nur Menschsein einfach nach hinten durchreichen?

Doch vermutlich brauchen die meisten Hierarchien als Eckpfeiler, zur Orientierung, als Leitplanke und Wegweiser. Oder als Anreiz zu kämpfen, um selber mal oben zu stehen. Oder um die Schuld für das eigene Leben auf die da oben zu schieben. Haben sich vielleicht sogar einfach alle damit abgefunden? Hofft jeder instinktiv, selber mal jemanden unter sich zu haben. Und fühlt man sich dann wirklich besser?

Wie durch Zufall habe ich heute ein passendes Zitat von Charles Bukowski gewittert bekommen:

The freeway always reminds you of what most people are. It´s a competitive society. They want you to lose so they can win. – Charles Bukowski

Ist es im Kern das? Gewinnen? Und die meisten lassen es einfach geschehen oder gar mit sich machen…

Suche den Zauber des Augenblicks

Ich war spät dran und darauf angewiesen, pünktlich die U-Bahn zu bekommen, um rechtzeitig zum Yoga zu kommen. Da hatte ich mich schon seit Tagen drauf gefreut. Die Bahn fährt normalerweise alle fünf Minuten, der für mich passende Bus aber nur alle zehn.

Ich stehe pünktlich (also recht knapp rechtzeitig) an der U-Bahn-Station und was erfasst mein hektischer Blick? Die Info-Tafel behauptet „Nächster Zug in neun Minuten„, WTF? Kurze Zeit später die Durchsage „Aufgrund einer Stellwerk-Störung verspätet sich der folgende Zug um fünf bis zehn Minuten“ Das war’s mit Yoga, die Verspätung belief sich dann noch auf insgesamt 20 Minuten, aber darum soll es hier nicht gehen.

Die Kunst, die man in solchen Momenten versuchen sollte zu perfektionieren, heißt „Suche den Zauber des Augenblicks„. Wozu sich jetzt aufregen, sich auch noch den Abend zusätzlich zum verpassten Yoga versauen? Suchen wir also diesen Zauber, erster Versuch, wir fangen grob an: Vielleicht wäre ich im schlimmsten Fall vom Auto überfahren worden, wenn ich zwanzig Minuten früher zuhause angekommen und über die Hauptstraße gegangen wäre! Gut, das wäre jetzt schon wirklich ein Worst Case, und das gefällt mir irgendwie nicht. Mit dem Argument könnte ich ja alles erschlagen, was mir den Heimweg vermiest, das Totschlag-Argument wäre für die Suche nach dem Zauber quasi wie die KiPo in der Datenschutz-Diskussion. Das hat mit Zauber noch nicht allzuviel zu tun…

Suche nach dem Zauber, zweiter Versuch: Vielleicht passiert mir ja gleich noch etwas ganz Schönes, ich kann mich ja mal überraschen lassen. Bekomme ich gleich etwas geschenkt oder treffe ich einen alten Kumpel und wir verstehen uns, als lägen keine 10 Jahre zwischen dem Jetzt und dem letzten Treffen? Doch leider wird das heute nichts mit Schönem, überfüllte Busse und der Busfahrer hat wieder hinten aufgemacht, so dass ich wieder mal nicht meine Lieblingsplätze erreiche. Irgendjemand Hübsches um mich herum, was sich eines Blickes lohnen würde? Kurzer Check: Auch nichts…

Zu Fuß vom Bus nach Hause, aber es passiert auch nichts Besonderes, wofür war diese Verspätung, diese erzwungene Entschleunigung denn jetzt gut? Zuhause angekommen ist kein Yoga mehr möglich, die Kinder sind auch schon fertig mit Abendbrot und auf einmal kommt der Zauber, just in dem Moment, als ich gar nicht mehr wirklich auf der Suche bin; als ich helfe, die beiden Lütten ins Bett zu bringen: Es läuft zur Abwechslung mal sehr harmonisch ab, ich lese den beiden noch Geschichten vor, wir kuscheln noch herrlich miteinander und es wird ein schöner Abend mit den Kleinen, irgendwie waren wir uns diesen Abend besonders nah, es musste genau heute genau so sein. Familie, Wärme, Glück: Es gibt Dinge, die kann man nicht planen, die passieren einfach; und wenn sie spontan geschehen, sind sie am besten und auch am kraftvollsten.

Um diese schöne Erfahrung reicher hoffe ich, dass mir diese Erinnerung noch möglichst lange erhalten bleibt, um bei der nächsten Verspätung, am Tisch hängen bleiben, Notfall in der Firma oder was auch immer, doch auch den Zauber des Moments zu finden.

Im Bus vorne einsteigen

Seit einiger Zeit muss man im HVV-Bus ganztägig vorne beim Busfahrer einsteigen, um seinen gültigen Fahrschein vorzuzeigen. Soweit so nachvollziehbar, vermutlich tatsächlich auch sinnvoll. In der Theorie…

In der Theorie sind Theorie und Praxis dasselbe, in der Praxis sind sie es nicht.

Wartet man Wandsbek-Markt auf einen Bus, ist rechtzeitig da und stellt sich brav vorne hin, wo man die vordere Bustür vermutet, kann es von Erfolg gekrönt sein und man kommt als einer der ersten in den Genuss der freien Platzwahl. Manchmal jedoch nicht. Ein Problem entsteht in dem Moment, in dem der Busfahrer einfach spontan alle Türen aufmacht. Man steht irgendwie blöd mit seiner Fahrkarte in der Hand herum, hat aber nichts davon.

Aber noch schlimmer, man hat handfeste Nachteile! Sämtliche hintere Plätze des Busses werden schon gestürmt, während man selber noch nicht mal einen Fuß in die Tür gesetzt hat. Die Fahrgäste also, die sich nicht an die Regeln halten, werden nicht nur mit schlechten Plätzen oder Stehplätzen bestraft, sondern sogar mit einem kürzeren Weg zu einer großen Sitzplatzauswahl belohnt, ein völlig falscher Anreiz, sich korrekt zu verhalten!

Was mich aber schlussendlich wirklich wahnsinnig macht, ist die Entscheidung, wo ich mich denn nun anstellen soll. Wann immer ich darauf spekuliere, hinten mit in den Bus zu huschen, erwische ich einen korrekten Busfahrer, der brav nur die Vordertür öffnet und schon stehe ich wieder als einer der letzten irgendwo in der Mitte. Wie ich es drehe und wende, ich habe selten Glück mit meinen Busfahrern :-/

Sollte jemand eine eindeutige logische praktikable Empfehlung für mich haben, wie man sich verhalten sollte, um einen guten Sitzplatz zu bekommen, schreibe diese bitte gerne in die Kommentare!